Gidioumzug

Alljährlich am Aschermittwoch feiert die Schuljugend von Waldstatt ihren «Gidio Hosestoss» mit einem fröhlichen Trauerzug und einer individuellen Abdankungsrede. Was im ersten Moment nach einem Widerspruch klingt, ist keiner! Zwar folgt dem auf einem alten Handwagen mit Himmel liegenden «Leichnam» (Gidio Hosestoss) die fasnächtlich gekleidete Schuljugend mit thematischen Motivwagen und als Fussvolk. Doch Tristesse ist keine auszumachen, denn entlang der Umzugsroute beschenken Geschäftsinhaberinnen und -inhaber die «Trauergemeinde» zu derer Freude mit essbaren Gaben.

Nach dem Umzug durch das Dorf versammelt sich die Trauergemeinde, um die Abdankungsrede des Gidio-Pfarrers beziehungsweise der -Pfarrerin, einem/einer Jugendlichen im neunten Schuljahr, zu hören. Es ist diesem/dieser überlassen, auszudenken, wie «Gidio Hosestoss» in die Waldstatt kam und woran er starb. Auch unterscheidet sich alljährlich der Lebenslauf, denn dieser ist primär eine Rückschau auf besondere Ereignisse in der Schule und auf kommunaler Ebene seit dem letzten «Gidio». Auch internationales Geschehen ebenso wie überregionales können in die «Predigt» einfliessen. Am Ende der Abdankungsrede verkündet die Pfarrperson, wer ihre Nachfolge antritt.

An dem auf den Aschermittwoch folgenden Funkensonntag findet sich die Schuljugend erneut zusammen. Sie begleitet Witwe Eulalia Fadehäx auf dem Gang zur Verbrennung der mit Holzwolle und Knallkörpern gefüllten Puppe. Für den Funken werden heute eingesammelte Christbäume verwendet. 

Der Waldstätter «Gidio» soll gemäss Überlieferung kurz vor dem ersten Weltkrieg erstmals durchgeführt worden sein. Bis und mit 1994 wurden als Gidio-Pfarrer ausschliesslich Burschen im letzten Pflichtschuljahr bestimmt. Seit 2022 kann die Pfarrperson in organisatorischen Belangen auf den damals gegründeten Verein Gidio-Freunde Waldstatt zählen.

Die Waldstätter Version des Brauchs unterscheidet sich von derjenigen in Herisau, wo alljährlich die gleiche Abdankungsrede gehalten wird und «Gidio Hosestoss» an einem Leckerli elendiglich erstickt. Entsprechend wird in Herisau diese Backware symbolisch als Leidmahl an die Schulkinder verteilt. Doch erfunden wurde der Brauch nicht in Herisau. Vielmehr sollen Jugendliche ihn ins Appenzeller Hinterland gebracht haben, nachdem sie 1844 im benachbarten Gossau erlebten, wie Kinder weinend einer Strohpuppe folgten.